Das Wohlbefinden
Ulla Lenze macht die Beelitzer Heilstätten am Rande von Berlin zum Bezugspunkt der Geschichten ihrer drei Protagonistinnen: Vanessa sucht 2020 in Berlin eine bezahlbare Bleibe. Der Makler einer Wohnung in Beelitz erfährt, dass sie die Urenkelin der
Schriftstellerin Johanna Schellmann ist, und überreicht ihr ein unvollendetes Manuskript, das ihm einst sein Vater vererbte, der die alte Frau in den 1960er-Jahren pflegte. In den Memoiren wird von der engen Beziehung Johannas zur Beelitzer Patientin Anna Brenner erzählt, welche zu Beginn des Jahrhunderts als okkultistisches Medium in der High Society gefeiert wurde. Vanessa spürt die Geschichte der zwei unterschiedlichen Frauen auf: Anna Brenner, die als junge Arbeiterin ihre TB in der Klinik ausheilt, wird aufgrund ihrer hellsichtigen Begabung sowohl verehrt als auch verachtet. Gleichzeitig ist Johanna – verheiratet mit einem Beelitzer Arzt – auf der Suche nach ihrer schriftstellerischen Identität. Die Begegnung mit Anna löst in ihr eine ungeahnte Kreativität aus und sie holt die junge Frau als Assistentin zu sich. Doch die Wege der beiden Frauen trennen sich wieder, als ihre unterschiedlichen Bedürfnisse nach Befreiung und Aufstieg in Konflikt geraten … – Ulla Lenze hat einen Jahrhundertroman geschrieben, der auf meisterhafte Weise die Suche von drei Frauen nach Selbstbestimmung und Authentizität in verschiedenen Epochen mit dem Schicksalsort Beelitz verbindet. Die Kapitel werden aus den drei Perspektiven erzählt und bekommen so ihre ganz eigene Stimmung und Stimme, die Handlung fügt sich klug und organisch ineinander. Auch so unterschiedliche Themen wie Arbeiterbefreiung, Spiritismus in der Kaiserzeit und die Berliner Immobilienblase werden elegant eingebunden. Die Sprache ist leicht und feinfühlig, dennoch intensiv und mächtig. Ein großartiger Roman, der zu den literarischen Highlights des Jahres zählt und daher zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 steht.
Vanessa Görtz-Meiners
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Wohlbefinden
Ulla Lenze
Klett-Cotta (2024)
333 Seiten
fest geb.