Siebzig Acryl, dreißig Wolle
In einer ehemaligen Arbeitersiedlung im englischen Leeds fristen Camelia Mega und ihre Mutter Livia ein trostloses Dasein. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als im Dezember 2004 Stefano Mega, Camelias Vater, mit seiner Geliebten bei einem Autounfall
tödlich verunglückt. Camelia gibt ihr Chinesischstudium auf. Livia, eine ehemals berühmte Flötistin, vegetiert seitdem im verdreckten Jogginganzug auf dem Sofa, fotografiert Löcher und Risse in der Wohnung und spricht nicht mehr. Notdürftig hält Camelia sich und ihre Mutter mit Übersetzungen für einen italienischen Waschmaschinenhersteller über Wasser. Drei Jahre später wird sie von dem Chinesen Wen auf die verschnittenen Kleider angesprochen, die sie seit einiger Zeit aus einem Müllcontainer fischt und trägt. Der untalentierte Schneider ist offenbar sein Bruder Jimmy. Wen bietet ihr Sprachunterricht an. Bald verliebt sie sich in ihn. Als er ihre Liebe nicht erwidert, beginnt sie eine selbstzerstörerische Affäre mit seinem Bruder Jimmy. Camelia bäumt sich auf, doch die bittere Realität stellt sich ihrem Überlebenswillen immer wieder entgegen. - Ein vorwitziger und frecher Debütroman, der Hässlichkeit detailreich und schonungslos beschreibt. Die Erzählerin verspürt einen unbändigen Zorn. Sie bezeichnet sich als "Wortbulimistin" und überhäuft den Leser mit wahrhaften Zornestiraden. Doch immer wieder schimmern urplötzlich erstaunliche, wunderschön poetische Bilder durch die selbstzerfleischende Gedankenflut der Protagonistin. Diese Ambivalenz macht den besonderen Reiz des Romans aus, der allen die sich an ungeschönter Darstellung nicht stören, sehr empfohlen werden kann. (Übers.: Judith Schwaab)
Birgit Fromme
rezensiert für den Borromäusverein.
Siebzig Acryl, dreißig Wolle
Viola Di Grado
Luchterhand (2012)
253 S.
kt.