Das Wasser unserer Träume
"Mysterien sind die Dachdecker des Lebens": Je länger man über so einen Satz wie diesen in Marica Bodrozics Roman "Das Wasser unserer Träume" nachdenkt, um so tiefer lässt er blicken. Unser Wissen, unser Empfinden, unsere Wahrnehmung hat Grenzen.
Nach oben glauben wir uns geschützt. Doch was geschieht, wenn dieses Weltdach wegbricht? Der Ich-Erzähler (offenbar männlich) liegt im Koma, in einem Hochleistungskrankenhaus. Doch sein Gehirn arbeitet. Und wie! Es formiert Gedanken und Bilder, die auf dem Weg zur Sprache sind - und die deshalb oft poetisch, geheimnisvoll, ja einfach schön klingen. Doch damit ist es nicht getan. Denn das Bewusstsein reagiert ja auf die Umwelt und auf Erinnerungen. So kommen Krankenpfleger, Ärzte, ein bangemachender "Organsammler" und zwei liebende Frauen ins Spiel. All das verdichtet sich zu traumartigen Szenen, Denkbildern, und weil die Genesung so weit fortschreitet, dass wir unseren namenlosen Helden am Ende Cremeschnitten essen sehen, kann man auch von einem Bewusstseinsroman sprechen. Es geht um die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, wenn er seine Sprache nur für sich hat und sein Körper unbeweglich ist. Faszinierende, wenn auch nicht leichtfüßige Lektüre. Allen Beständen empfohlen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Wasser unserer Träume
Marica Bodrozic
Luchterhand (2016)
220 S.
fest geb.