Der Stift und das Papier
Das stumme Kind, das sprechen, lesen und schreiben lernt, ist das große Thema von Hanns-Josef Ortheils Romanen. Diesmal geht es darum, wie der Vater den Sohn mit Stift und Papier vertraut gemacht hat. Das geschah zunächst - so die Rahmenhandlung
der Erinnerung - in einer Jagdhütte im Westerwald. Dort begann die Vorschule des Schreibens. Naturbeobachtungen wurden fixiert. Es kommt dabei auf sensibles Sehen an und auf das richtige Wort. Dann lernt der Junge, die Schreibfertigkeiten auszudehnen, experimentiert mit Zielgattungen, der Reportage, dem Tagebuch, dem Prosagedicht, dem erfindenden Erzählen, dem journalistischen Schreiben. In der Wohnung der Eltern bekommt er ein eigenes Arbeitszimmer. Mit viel Humor schreibt Ortheil über seine Frühbegabung, zeigt Möglichkeiten, Grenzen und auch Unverständnis der Umwelt auf. Am schönsten sind die Erinnerungen da, wo es um die Arbeit am Wort geht, um das Staunen über Sprache: Warum heißt es "hantieren", wie kann man über "gedachte Musik" schreiben, was passiert, wenn das Schreiben auf Reisen geht (an die Mosel oder nach Berlin etwa), und was ist es für ein Unterschied, über ein Fußballspiel oder über einzelne Spieler zu schreiben? Ein wunderbarer, einsichtsvoller und berührender Roman, der in die gar nicht so geheimen Ursprünge eines Schriftstellerlebens blicken lässt. Für alle Bestände.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Stift und das Papier
Hanns-Josef Ortheil
Luchterhand (2015)
383 S.
fest geb.