Bolla

Ein heimliches Liebespaar in Pristina im Jahr 1995: der Albaner Arsim, frisch verheiratet mit einer jungen Frau, und der Serbe Milos, der für ein Medizinstudium in den Kosovo gekommen ist. Nicht nur die gesellschaftlichen Konventionen, sondern auch Bolla die weitere Entwicklung des Balkankriegs macht der jungen Liebe sehr schnell ein Ende. Was folgt, sind die traurigen, aber scheinbar unausweichlichen Weiterschreibungen der Traumata, denen beide Männer in ihrem Leben bereits ausgesetzt waren und die sie infolgedessen auch anderen Menschen zufügen. Für den Leser schwer zu ertragen sind die Verhaltensweisen des in Beziehungen dominant bis gewalttätig agierenden Albaners Arsim, der seine Frau schlägt, schließlich Sexualkontakte zu Minderjährigen sucht und sich doch überwiegend selbst als Opfer seiner eigenen Geschichte zu sehen scheint. Zusammen mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern gelingt ihm die Flucht aus dem Kosovo in ein sicheres, nicht näher bezeichnetes Land. Er wird jedoch straffällig des Landes verwiesen und muss 2004 nach Pristina zurückkehren. Milos hingegen lässt sich von der serbischen Armee anwerben und endet knapp zehn Jahre später als körperliches und seelisches Wrack. Arsim schafft es, seinen Geliebten Milos in Pristina wiederzufinden, nimmt ihn kurzzeitig bei sich auf, entzieht sich jedoch der Verantwortung, diesen vollkommen gebrochenen Menschen zu betreuen. Über der ganzen Geschichte scheint der böse Geist des Bolla zu schweben – einer geflügelten schlangenartigen Drachenfigur aus der albanischen Folklore, der laut Überlieferung zu seiner Besänftigung regelmäßig Menschenopfer fordert. – Beklemmende Lektüre eines mehrfach prämierten Autors.

Elisabeth Brendel

Elisabeth Brendel

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Bolla

Bolla

Pajtim Statovci ; aus dem Finnischen von Stefan Moster
Luchterhand (2025)

283 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 754565
ISBN 978-3-630-87650-4
9783630876504
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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