Fremde am Pier

In einer Mischung aus persönlicher Spurensuche und Essay setzt sich der erfolgreiche Romanautor sehr konkret und nachvollziehbar mit Fragen von regionaler Identität, nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit auseinander, speziell von Migranten. Er Fremde am Pier tut dies vor einem asiatischen Kontext, in dem große Auswanderungsbewegungen (z.B. aus China) ganze Staaten neu geprägt haben, etwa Singapur oder Malaysia. Ganz persönlich hat ihn die Frage umgetrieben, wie sich wohl einer seiner Großväter gefühlt haben mag, als er in den 1920er Jahren Südchina verlassen hatte und völlig auf sich gestellt an einem Hafenpier in Singapur stand, als "Der Fremde am Pier", so der Titel des Buches. Tash Aw wurde als Kind malaysischer Eltern in Taiwan geboren, studierte in Großbritannien und lebt seit einiger Zeit in der Provence. Für die BBC und die New York Times kommentiert er Kultur und Politik im südostasiatischen Raum. Mit daraus geschärftem Blick entwickelt er höchst interessante, biografisch unterfütterte Deutungslinien. So charakterisiert er sich und seine Familie, trotz moderner Ansichten und Anpassung an westliche Gewohnheiten, im Kern als traditionelle chinesische Familie. Eine Auswanderung habe die Neuerfindung der eigenen Lebensgeschichte im Gepäck, folgert er, ähnlich sei das sogar bei der Geschichte von Nationen: Die Umdeutung in die Erzählung eines möglichst bruchlosen Aufstiegs finde statt, Vergangenheit und Geschichte würden ausgeblendet. – Aw gelingt mit dieser persönlichen Annäherung an seine Großeltern wie nebenbei eine anregende Deutung von Migrationsgesellschaften im südostasiatischen Kontext, die auch zur Reflexion im europäischen Zusammenhang einlädt.

Gabriele Hafner

Gabriele Hafner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Fremde am Pier

Fremde am Pier

Tash Aw ; aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda
Luchterhand (2024)

123 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 753820
ISBN 978-3-630-87704-4
9783630877044
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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