Und Federn überall
Wo Federn sind, sind meist auch Hühner nicht weit. Und so führt bereits der Titel "Und Federn überall" den Leser direkt zum zentralen Schauplatz des neuen Romans der deutsch-iranischen Autorin: eine mittelständische Hühnerfleischverabeitungsfabrik
im Nirgendwo des ländlichen Emslands. Gleichzeitig eröffnet er aber auch einen Zugang zum sorgfältig komponierten Metaphernbereich, der der Geschichte von Anfang an einen genuin poetischen Grundton verleiht. Erzählt wird ein einzelner Tag, irgendwann in der Gegenwart, der von sechs Personen, jeweils mit eigener Perspektive ausgestattet, auf unterschiedliche Weise erlebt wird. Am Ende des Tages und des Romans verknüpfen sich die Figuren, ihre Schicksale und verschiedenen Blickwinkel zu einem dichten literarischen Geflecht, das weit über die Gegenwart hinausgeht und bis in den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit zurückreicht. Inhaltlich steht dabei der Themenkomplex Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit im Mittelpunkt, der auf außergewöhnliche und differenzierte Weise dargestellt wird. Ebrahimis neues Buch besticht somit durch literarische Qualität und poetische Selbstreflexion ebenso wie durch die intelligente Behandlung gesellschaftsrelevanter Fragen unserer Zeit. Geeignet ist es für alle, die die Kombination von Poesie und Realismus zu schätzen wissen.
Antonie Magen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Und Federn überall
Nava Ebrahimi
Luchterhand (2025)
352 Seiten
fest geb.