Pony Show
Die bekannte Verlagschefin Betty Hell steht wegen Mordes vor Hamburg vor Gericht. Sie soll ihren verschwundenen, über 20 Jahre jüngeren Mitarbeiter Fero Lebed, mit dem sie möglicherweise mehr als eine nur enge berufliche Beziehung unterhielt, ermordet
haben. Verteidigt wird sie vom in Mordsachen unerfahrenen jüngeren Anwalt Mark Steinert, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Der spektakuläre Fall wird von den Medien und feministischen Gruppierungen immer mehr aufgebauscht, während der Anwalt einerseits an der oft undurchsichtigen Betty verzweifelt, andererseits aber immer mehr ihrer Anziehungskraft verfällt und die anwaltliche Distanz verliert. – Juli Zehs neuester Roman hat alle Zutaten zu einem weiteren Bestseller. Er ist zunächst ein ausgesprochen spannender Justizthriller, der den Leser bis zum überraschenden Ende fesselt. Dabei steht auch die Frage, ob sie als emanzipierte und erfolgreiche Frau zum Opfer einer patriarchalen Gesellschaft wird, im Zentrum des Buches, in dem noch weitere (gesellschaftskritische) Themen aufgegriffen werden. – Juli Zeh kennt selbst das Justiz- und das Verlagswesen aus eigener Erfahrung, davon profitiert der Roman. Andererseits hat sie ziemlich viele Erzählstränge in die insgesamt 500 Seiten gesteckt und darin auch viele, manchmal sogar etwas platte Erläuterungen dafür selbst gegeben, der Roman wäre sicher dichter geworden, wenn sie dem Leser mehr Platz für eigene Gedanken gegeben hätte. Trotz dieser wenigen Schwächen sollte keine Bücherei in diesem Herbst auf „Pony Show“ verzichten.
Michael Sanetra
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Pony Show
Juli Zeh
Luchterhand (2026)
501 Seiten
fest geb.