»Ich wandle Einsamkeit um in Worte«
Zum 40. Todestag des israelischen Dichters David Rokeah hat Michael Krüger einen Lyrikband mit einer Gedichtauswahl aus den 60er bis 80er Jahren herausgegeben. Rokeah ist 1934 mit 18 Jahren aus der heutigen Ukraine ins damalige Palästina ausgewandert.
Wer Rokeahs Gedichte liest, begibt sich mit dem lyrischen Ich in die Landschaften Israels: von Tiberias am See Genezareth im Norden bis zur Wüste Negev im Süden mit dem Zentrum Israel. Die jüdische Lebenswelt mit Thora, Bar Mizwa, Sabbat und Gott entfaltet sich vor den Augen. Wenn das lyrische Ich in melancholischem Ton von Finsternis, Einsamkeit und müde machenden Erinnerungen spricht, schwingt doch auch Hoffnung mit. Wenn es resigniert von Stacheldraht und Mauer spricht, ist das Moos, das "sich verschanzt in ihre Spalten" (S.31) ein Hoffnungsschimmer. Im "Gebet" (S.33) wünscht es sich, dass das Lied auf die andere Seite der Mauern wandert. Es thematisiert den Kriegsherbst 1971 und gleichzeitig das anstehende Brunnengraben. Dabei scheinen manche Gedichte bedrückend aktuell, wenn es über Krieg, Mauer und Grenzen redet, "einen Augenblick Haß/ der Generationen dauert" (S.31). Im fundierten Nachwort des Herausgebers erfährt die Leserschaft vom spannenden Übersetzungsverfahren. Rokeah hat seine Gedichte weitgehend selbst übersetzt und dann von namhaften Autoren wie Paul Celan und Erich Fried überarbeiten lassen. Dank der stilistischen Mittel und Sprachschönheit sinniert man noch lange nach über die Gedichte, die der "Mosaikstein in der großen Anthologie hebräischer Poesie" (S.143, Krüger über Rokeah) uns hinterlassen hat.
Melanie Schubert
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
»Ich wandle Einsamkeit um in Worte«
David Rokeah ; ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Michael Krüger ; aus dem Hebräischen von Paul Celan [und 12 weitere]
Jüdischer Verlag (2025)
150 Seiten
fest geb.