Die Stimmen der Nacht
Margaret und Ben sind angehörige der nigerianischen Mittelschicht, die geprägt ist von moderner, westlicher Lebensweise, aber auch noch beeinflusst wird von den afrikanischen Traditionen und der wechselvollen Geschichte des Landes zwischen Kolonialismus
und Unabhängigkeit. Beide verlieben sich in den 60er Jahren in Lagos ineinander und heiraten, gegen den Willen des Dorfes Margarets, ohne die traditionellen Riten zu beachten. Beide bekommen eine Tochter, doch schon bald merkt Ben, dass seine Frau unter Schizophrenie leidet: Sie sieht und hört immer die Gesichter ihrer traditionellen Dorfgesellschaft. Ben verlässt Frau und Kind und baut sich mit einer anderen Frau in den USA ein neues Leben auf. Doch er kommt nicht los von Margaret und seinen Schuldgefühlen. Jahrzehnte später kehrt er zurück, um mit Margaret, ihrer und seiner Tochter und seinem Enkel seinen Frieden zu machen. Doch Margaret leidet noch stärker unter ihrer Obsession. Und die führt schließlich zu einem tragischen Ende. Neben dieser Geschichte beschreibt die Autorin in Rückblicken auch die Vergangenheit der Familien Bens und Margarets bis zum Beginn des 20. Jh., eine Vergangenheit, die beide Familien miteinander verbindet. Und der Leser erfährt, wie sehr die dramatischen und tragischen Ereignisse dieser Zeit ihre Wirkung zeigen bis in die jüngste Generation. Ein wunderschöner Debütroman, der nicht nur eine Familiengeschichte erzählt, sondern auch die politische Entwicklung Nigerias streift und eindringlich beschreibt, wie sehr die Diskrepanz zwischen afrikanischer Tradition und westlich geprägter Moderne noch immer das Leben der Bewohner der afrikanischen Länder, prägt. Die Lektüre dieses Romans ist ein literarisches Erlebnis, und man darf schon gespannt darauf sein, was von der Autorin noch zu erwarten ist. Allen Beständen zu empfehlen.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Stimmen der Nacht
Tochi Eze ; Übersetzung aus dem Englischen von Agnes Krup
Pfaueninsel (2026)
350 Seiten
fest geb.