Komm über den See
Ruth, 45 Jahre, wird in den 80er Jahren als Aushilfslehrerin an einer Schule im Salzkammergut angestellt. Dort erlebt sie, wie sehr die Gesellschaft nach wie vor von faschistischem Gedankengut durchdrungen ist, die Einladung einer Zeitzeugin des österreichischen
Widerstands in ihren Geschichtsunterricht wird vom Direktor ihrer Schule auch brüsk abgelehnt. Diese Zeitzeugin, Anna Zach, hatte Kontakt zu ihrer Mutter, die ebenfalls im Widerstand war und vor Ruths Augen von der Gestapo verschleppt wurde. Schweigen, Sprachlosigkeit, die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Rettungsboot im schwierigen Alltag – Ruth ist eine gebrochene und zugleich starke Frau. – Elisabeth Reichart thematisiert in ihrem erstmals 1988 erschienenen Roman die Auswirkungen der Kriegstraumata und den alltäglichen Faschismus. Ihre Sprache ist fließend, sie zieht hinein in Ruths Gedankenstrudel, aus dem sie scheinbar keinen Ausweg findet, in ihr Verlorensein im Dazwischen. Aus heutiger Perspektive lässt sich der Roman auch feministisch lesen, als Widerstand gegen das Patriarchat. Der Roman macht es den Lesenden nicht leicht, doch die Lektüre lohnt sich. Empfehlenswert.
Tina Schröder
rezensiert für den Borromäusverein.
Komm über den See
Elisabeth Reichart
Otto Müller Verlag (2025)
178 Seiten
fest geb.