Herrenjahre
Bruno Melzer hat auf Wunsch seines Vaters eine Tischlerlehre gemacht. Er sieht die Arbeit als notwendiges Übel an, aber Lehrjahre seien nun mal keine Herrenjahre, sagt man ihm. Nur das Zusammensein mit Mädchen reißt ihn aus dem Gewöhnlichen heraus.
So hat er viele Affären. Bei Maria fasziniert ihn die rauchige Stimme, obwohl sie keine Schönheit ist. Als sie schwanger wird, heiraten sie und ziehen zunächst bei Melzers Mutter ein. Bald merkt er, dass er "in der Heiratsfalle sitzt" und alle hehren Hoffnungen vorbei sind. - Das alles wird als Bewusstseinsbericht in einer teils vulgären Proletensprache erzählt, gefärbt mit österreichischem Dialekt. Melzer ist gefangen im dörflichen Schwarz-Weiß-Denken von Mann/Frau und Arbeiter/Bessergestellter. Er scheint aber eine Entwicklung zu durchlaufen, was sich auch in der Sprache niederschlägt. - Der autobiografisch gefärbte Roman des niederösterreichischen Schriftstellers ist bereits 1976 erschienen. Mit großer Authentizität schildert Wolfgruber die Welt der Provinzkleinbürger, ohne einen Ausweg aus der Misere anzudeuten. Am Schluss gibt der Witwer mit drei Kindern eine Heiratsannonce auf, ohne noch Bedingungen zu stellen. - Trotz des pessimistisch-offenen Endes gerne empfohlen.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Herrenjahre
Gernot Wolfgruber
Residenz-Verl. (2015)
359 S.
fest geb.