Die Hyazinthenstimme

Mayer ist in Südosteuropa seit 20 Jahren als Stimmenbeschaffer für den nach allem Barocken lüsternen Zaren unterwegs, der im Haus Settecento im steiermärkischen Bad Bleibenberg residiert. Er lässt Knaben "verschneiden", deren Singstimme es - Farinelli Die Hyazinthenstimme & Co. lassen grüßen - wert erscheinen lässt, durch eine Kastration für die Barockopern des 21. Jh. erhalten zu bleiben. Vorbild für Settecento mit seiner hauseigenen Klinik sind die neapolitanischen Konservatorien des 18. Jh. Der dem Kult der "Sopranisten" verfallene Zar findet an dem jungen Russen Matteo besonderes Gefallen; zeichnet dieser sich doch durch eine "Hyazinthenstimme" aus: hoch und silbern wie die des berühmten Kastraten Farinelli. Dass Matteo aus dem "Gefängnis" ausbricht, erwartet der Leser bald. In Wien stößt der Held auf den erfolgreichen Ex-Internisten Doru, der ihm mit der Übernahme der Titelrolle in Cavallis "Elagabal" zu einer Kastratensängerkarriere verhilft. - Der erste Erwachsenen-Roman der aus Moskau stammenden Autorin fasziniert von der ersten bis zur letzten Zeile. Er fängt die gleichermaßen bezaubernde wie beklemmende Situation von Kastratensängern in einem ins Heute geholten, eigentlich widersinnigen, märchenhaften Szenarium gekonnt, mitreißend geschildet, ein. Selbst der dem Barocken wenig abgewinnende Leser leidet mit und staunt, gerät oft außer Atem, kann vieles, was er von Wilke über die Barockoper lernt, bald einordnen und verbeugt sich am Ende vor so viel geschenktem Atmosphäre-Glück.

Hans Gärtner

Hans Gärtner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Die Hyazinthenstimme

Die Hyazinthenstimme

Daria Wilke
Residenz Verlag (2019)

348 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 927940
ISBN 978-3-7017-1720-0
9783701717200
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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