Über allem und nichts
Clara arbeitet als Copilotin für eine private spanische Fluglinie. Knapp kalkulierte Pausen verbringt sie im Jetlag in Hotelzimmern, ständige Verfügbarkeit ist unausweichlich, um eines Tages zur Kapitänin aufzusteigen. In München drängt sie Matthias
zu einem gemeinsamen, häuslicheren Leben; in Madrid wartet Gabrio auf sie, ebenfalls ein Pilot, der ihre berufliche Abhängigkeit von ihm auch nach Ende der Beziehung weiterhin ausnutzt. Erst als Claras beruflich und privat getriebene Erschöpfung Überhand zu nehmen droht, gewährt sie sich eine kurze Auszeit in Sri Lanka, wo sie auf dem Motorrad abgelegene Orte des bürgerkriegsgezeichneten Landes erkundet. Mit der Ruhe und Einsamkeit kehren jedoch auch jene Gedanken zurück, die sie im Cockpit verdrängen konnte, an den Missbrauch durch einen Bekannten in ihrer Jugend, an die Vergewaltigungen, die sie auf ihren Reisen um die Welt erlebt hat. - Sequenzen aus Claras Gegenwart in Sri Lanka wechseln sich mit Rückblenden in ihre Kindheit, Jugend und berufliche Laufbahn ab und gewähren mit bildreicher Sprache einen zunehmend tieferen Einblick in ihr Seelenleben. Zu empfehlen.
Marlene Knörr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Über allem und nichts
Gunther Neumann
Residenz Verlag (2020)
236 Seiten
fest geb.