was keiner kapiert
Das titelgebende Gedicht „was keiner kapiert“ beschreibt prägnant das Thema dieses feinen Gedichtbuches. Es geht um alle Gefühle, die in der Pubertät das Denken und das Sein bestimmen und von niemandem, auch von sich selbst nicht, verstanden
werden. In den Gedichten mit immer wieder wechselnden Reimschemata wird das Gefühls-Chaos junger Menschen in allen Facetten beleuchtet. Sowohl leichtfüßig als auch bedeutungsschwer greifen die Gedichte Sinnsuche, Verzweiflung, Glück und Unsicherheit in der Erlebniswelt der Leser:innen auf. Die Gedichte erschließen sich nicht beim ersten Lesen. Die kurzen Verse mit den Zeilenumbrüchen erscheinen zuerst kompliziert und sperren sich vor dem schnellen Verstehen. Ein Satz läuft mitunter über mehrere Verse hinweg. Er bricht in einem Zeilensprung ab und wird im nächsten Vers fortgeführt. Durchgängig kleingeschrieben, ist das Metrum eher einer gesprochenen Sprache als einem Versmaß nachempfunden. Laut gelesen entwickeln die Gedichte einen intensiven Sog, der vom Rhythmus der Zeilen getragen wird und sich hörend erspüren lässt. Man liest/hört von einem anderen und erkennt dabei sich selbst. Die Illustratorin Barbara Hoffmann schuf dazu frei assoziierte Bilder, die parallel zu den Texten eine eigene Deutung in Blau entwickeln und die Wirkung doppelseitenfüllend verstärken. Das Inhaltsverzeichnis auf den letzten Seiten unterstreicht erneut, dass Form ohne Inhalt nicht denkbar ist. In Blöcken versetzt gedruckt zeigt es die Fülle der Themen in den Titeln. – Eine nachklingende, visuell lyrische Annäherung an die Gefühle in überzeugendem Layout.
Manuela Hantschel
rezensiert für den Borromäusverein.
was keiner kapiert
von Michael Hammerschmid ; illustriert von Barbara Hoffmann
Jungbrunnen (2024)
104 Seiten : Illustrationen (farbig)
kt.