All die Frauen, die das hier überleben
Ich-Erzählerin Marta verabschiedet sich von ihrer Freundin Bohdana, um Maksym zu heiraten. Sie lassen die Ehe lediglich registrieren und gehen zu zweit Essen, ohne Feier und Gäste, nicht einmal Martas Bruder Andrij hat sie eingeladen. Ihr Verhältnis
ist nicht gut. Martas Vater und Bruder beschreibt sie als schwierige Charaktere mit einer hitzigen Natur. Maksym sieht sie ganz anders. Doch sein wahres Ich zeigt sich bald. Er wird schnell wütend, besonders wenn er getrunken hat. Das erinnert Marta an ihren Vater, dem sie die Schuld am Tod der Mutter gibt. Maksym gefallen ihre Freundinnen nicht und er verbietet ihr, Freundschaft im Haus zu schließen. Marta hat kein Selbstwertgefühl und sucht die Schuld für Maksyms Ausfälle stets bei sich. Sie wirkt mit ihrem unterwürfigen altmodischen Charakter wie aus der Zeit gefallen, obwohl der Roman zwischen 2016 und 2021 spielt. Als Erzählerin erkennt sie in reflektierten Passagen, was zu tun wäre, doch sie tut es nicht – und als Leserin möchte man sie wachrütteln. Doch sie verweigert jede Hilfe durch Außenstehende und verbirgt weiter ihre blauen Flecken. Das ist aufwühlend und deprimierend zu lesen. Doch nach und nach beginnt sie, einen Plan zu entwickeln … Und es entwickelt sich ein atemberaubendes Ende mit einer überraschenden Wendung. – Ein Roman über toxische Beziehungen sowie häusliche und sexuelle Gewalt – nichts für zarte Gemüter.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
All die Frauen, die das hier überleben
Natalja Tschajkowska ; aus dem Ukrainischen von Jutta Lindekugel
Haymon Verlag (2023)
365 Seiten
fest geb.