Schwimmen im Glas
Lore ist fast 10, als die Lesenden ihr begegnen. Sie beobachtet ihre Mitmenschen und das gängige Rollenverhalten der Geschlechter in der Familie ganz genau. Ihre Kindheit spielt sich meist im Haus der Großeltern ab. Da ist einerseits die auf ein
Hausfrauendasein und Traditionen reduzierte Großmutter, die ab und zu in Spielen und Geschichten ein anderes Ich durchblitzen lässt. Andererseits der Großvater, durch Kriegserfahrung geprägt und geschädigt, ein "Macher", dessen Kommunikation fast versiegt ist und für den alles, was außerhalb seines Dunstkreises liegt, "Brimborium" ist. Lore reflektiert ihr Dasein, ihre Wünsche, spielt "Wortaufschnappen", wenn sich die Erwachsenen unterhalten, muss den Sinn vieler Wörter jedoch selbst ergründen, da sie immer als zu jung bezeichnet wird. Doch auch mit 12 hat sich kaum etwas in ihrem Umfeld verändert. Geschickt flechtet Lugbauer Episoden aus Lores Erwachsenenleben bis zum Alter von 45 ein. Im letzten Kapitel "Leben", das ironischerweise u.a. auch den Tod des Großvaters zum Thema hat, werden Wandel und Umdenken in Lores Heimat deutlich. Sie hat nicht nur ihr Leben lang neue Wörter kennengelernt, sondern auch ein neues Leben. – Ein sprachliches und erzählerisches Kleinod mit einigen österreichischen Sprachstolpersteinen. Für jeden Bestand zu empfehlen.
Margit Düing Bommes
rezensiert für den Borromäusverein.
Schwimmen im Glas
Eva Lugbauer
Picus Verlag (2025)
243 Seiten
fest geb.