Unvollendet, lebend
Eine junge Frau wird verfolgt und vergewaltigt. Die Erinnerung an diese „bitteren Stunden“, wie die Ich-Erzählerin sie nennt, zieht sich durch ihr ganzes Leben wie ein roter Faden, zu dem ihr Gedächtnis immer wieder zurückkehrt. Halt gibt ihr
der Ort ihrer Kindheit, Briance, wo sich das Vogelgezwitscher mit den Wellen des Meeres vermischt, und unzählige Blumen blühen. Hier verliebt sich die Frau und bekommt zwei Kinder. Nachdem sie sich augenscheinlich von ihrer Traurigkeit erholt hat, versinkt sie erneut in einer Phase großer Erschöpfung. Denn mit der Geburt ihrer Töchter gibt sie sich in völliger Selbstvergessenheit dem Haushalt und der Versorgung ihrer Kinder hin. Dabei könnten die Beobachtungen, die die Frau den Erzählenden preisgibt, die eines weiteren Kindes sein: Farben, Geräusche, Gesten und Mimik stehen im Vordergrund. Erst mit der Zeit erhalten Lebewesen und Gegenstände von den Mädchen Bezeichnungen, die zunächst der Kindersprache entstammen. Mit dem Erlernen der Sprache wird auch der Radius der Mädchen und der Mutter größer, bis die Töchter eines Tages ihre Selbstständigkeit erreichen. Es ist, als würde die Frau noch einmal geboren und erwachsen werden, und zugleich eine unendliche Liebe durch die Kinder erfahren, die ihr kein Mann geben konnte. Diese „Häutungen“ findet die Erzählende unter anderem in Heidi Buchers Kunst wieder und findet darin Trost und Kraft. – Pierrine Poget erzählt in konkreten Bildern die Lebensreise einer Frau zu sich selbst.
Clara Braun
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Unvollendet, lebend
Pierrine Poget ; aus dem Französischen von Annina Haab
Atlantis (2026)
117 Seiten
fest geb.