Adieu Paris
Drei befreundete Wehrpflichtige sind Ende Dezember 1956 auf einem zehntägigen Heimaturlaub vom Krieg in Algerien in Paris: der Unteroffizier Lachaume, der junge Gefreite Jean Valette und der einfache Soldat Lasteyrie. In Lachaumes Kneipennächten
mit der deutschen Lena oder in Gesprächen mit dem Arztfreund Thevenin zeigt sich die Stimmung in Paris zu einer Zeit des Vergessenwollens. Auch beim Besuch bei Valettes kommunistischer Familie sitzt das "Gespenst des Krieges" mit am Tisch, und Jean Valette stellt die zentrale Frage: "Warum habt ihr uns gehen lassen?" (S. 112). - Die Übersetzerin Julia Schoch macht in einem aufschlussreichen Nachwort auf das Dilemma der Wehrpflichtigen aufmerksam: In einem Krieg, den es offiziell gar nicht gegeben hatte, durften sie weder als Lebende noch als Tote vorkommen, ihre Erfahrungen blieben unerzählt. Daniel Anselme gab ihnen eine Stimme, die allerdings zum Zeitpunkt des Erscheinens 1957 nicht gehört werden wollte. Erst 1999 wurde der Begriff Algerienkrieg offiziell erlaubt, ein Schuldeingeständnis aber immer noch verweigert. Und am Ende fragt sich Julia Schoch, ob der Terroranschlag auf "Charlie Hebdo" nicht auch eine Auswirkung dieser Verdrängungspolitik hätte sein können. - Nicht nur wegen dieses Aspekts auch nach 60 Jahren durchaus lesenswert.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Adieu Paris
Daniel Anselme
Arche (2015)
205 S.
fest geb.