Den Goldgrund in allem finden

Der Jahreswechsel löst bei den meisten Menschen gemischte Gefühle aus: Einerseits hofft man, dass vieles besser werden möge, andererseits fürchtet man sich auch vor dem, was da noch im Dunklen vor uns liegt, gerade wenn schon die gegenwärtigen Den Goldgrund in allem finden Zeiten alles andere als leuchtend sein mögen. Die Benediktinerin Carmen Tatschmurat möchte mit ihrem neuen Jahresbegleiter „Den Goldgrund in allem finden“ den Leserinnen und Lesern Impulse an die Hand geben, gerade auch in dem, was dunkel erscheint, dennoch Spuren einer helleren Wirklichkeit zu entdecken – so wie bei Ikonen in der byzantinischen Kunst der goldene Hintergrund auch dann immer wieder durchscheint und sichtbar wird, wenn die Ikone durch Kerzenruß und Weihrauch schon stark verdunkelt ist. Der Jahresbegleiter ist zwar nicht streng chronologisch aufgebaut, aber doch dem Jahreslauf folgend geordnet, einerseits nach den drei großen christlichen Festkreisen Advent/Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Den Alltagen im Jahreskreis sind dann thematisch gruppierte Betrachtungen zugeordnet unter den Überschriften „Anfangen“, „Herausforderungen des Alltags“, „Wo wir leben“, „Im Gespräch mit Gott“, „Segnen – Frieden stiften“. So wollen insgesamt 52 kurze Betrachtungen für alle Wochen des Jahres, zwei bis maximal vier Seiten lang, entsprechende Hinweise geben auf „Goldspuren, durch die eine andere Wirklichkeit durchschimmert“, es sind Überlegungen, Assoziationen und Bilder, die sich aus erlebten Alltagserfahrungen der Autorin ergeben haben, aus bestimmten Begegnungen oder aus einem gelesenen Text oder Gedicht. Überraschend ist es beispielsweise, wenn die Autorin unter dem Stichwort „Ambivalenzen“ darauf hinweist, dass Jesus erst NACH seiner Taufe im Jordan in der Wüste vom Satan versucht wurde – ein klares Zeichen dafür, dass mit der bewussten Entscheidung für ein Leben mit Gott die Anfechtungen keineswegs aufhören. Endgültige Lösungen werden wir auf dieser Welt nicht finden, wir müssen vielmehr versuchen, gerade in all dem Ambivalenten die richtige Haltung und den Seelenfrieden zu finden. Beim Nachdenken über „heilige Räume“ stellt Schwester Carmen zunächst fest, wie uns bestimmte, eigens zu diesem Zweck gestaltete Orte durchaus dabei helfen können, zur Ruhe zu kommen, die Welt für eine gewisse Zeit hinter uns zu lassen, andererseits hebt sie hervor, dass sich im Grunde jeder Ort als heiliger Ort erweisen kann – dann, wenn wir für Gottes Gegenwart offenbleiben und ihn auch an ganz unerwarteten Orten entdecken. Ein Blick auf die vielen Wallfahrtsorte mit unzähligen erhörten Bitten lässt die Autorin die Fragen stellen: „Hilft beten? Hilft mehr zu beten besser?“ Einerseits werden wir in der Heiligen Schrift tatsächlich immer wieder von Jesus aufgefordert zu bitten. Trotzdem darf man Beten nicht eins zu eins gleichsetzen mit Bitten. „Beten bedeutet in erster Linie, im Gespräch mit Gott zu bleiben.“ Wenn wir im Gespräch mit Gott unsere Bitten näher anschauen, „kann [es] auch geschehen, dass das Gebet zwar gehört, dass uns aber ein ganz anderer, ein besserer Weg gezeigt wird.“ Die Autorin will mit ihren Betrachtungen keineswegs unwiderlegbare Erkenntnisse oder revolutionäre Neuansätze vermitteln, doch ihre kleinen Impulse, die feinen Alltagsbeobachtungen entspringen, gehen immer in die Tiefe, vermitteln gewinnbringende Inhalte und überzeugen durch ihre bedachtsamen Formulierungen, die ein weiteres Nachdenken ermöglichen – und dafür eine fruchtbare Richtung aufzeigen. Sich jede Woche einen Abschnitt dieses Jahresbegleiters vorzunehmen, ist gewiss ein lohnender Vorsatz für das neue Jahr! (Religiöses Buch des Monats Januar)

Thomas Steinherr

Thomas Steinherr

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Den Goldgrund in allem finden

Den Goldgrund in allem finden

Carmen Tatschmurat
Vier Türme (2025)

200 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 623712
ISBN 978-3-7365-0681-7
9783736506817
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats