Macht im Umbruch
Nach seiner umfassenden Analyse der Weiterentwicklung der künftigen globalen Mächteordnung unter dem Titel "Welt in Aufruhr" (BP/mp 24/799) fragt der renommierte Politologe und erfolgreiche Autor Herfried Münkler nun nach der internationalen Rolle
Deutschlands im Gefolge der "Zeitenwende". Zunächst geht es um den kritischen Zustand des liberal-demokratischen Rechtsstaats. Münkler konstatiert als Grundproblem in Deutschland einen Mangel an politischer Führungsfähigkeit, bedingt vor allem durch eine "hypertrophe Juridifizierung". Hier seien Strukturreformen unabdingbar, um den überbordenden Einfluss von Sonderinteressen zurückzudrängen, wie sie z.B. von NGOs vertreten und auch durchgesetzt werden. Im internationalen Zusammenhang stellt sich nach dem Rückzug der USA die Frage nach der Zukunft des "Westens". Unter welchen Voraussetzungen wird Europa eine eigenständige Rolle in der Weltpolitik spielen können? In zwei eigenen Kapiteln beschäftigt sich Münkler mit den geopolitischen Grundkonstanten und den Grenzen Europas sowie mit der spezifisch deutschen Situation als "Macht der Mitte". Ausführliche Exkurse in die Historie (z.B. "Einkreisung", Schlieffen-Plan, Hitler-Stalin-Pakt) und in die Geschichte des geopolitischen Denkens erhellen die Handlungsoptionen im Konzert der Mächte. Der Autor sieht Deutschland aufgrund seiner geographischen Lage und seiner wirtschaftlichen Stärke in der Verantwortung, Europa zu führen, allerdings partnerschaftlich und durch "Dienen" (servant leader). Die am kompromiss- und konsensorientierten Modell sozialisierten deutschen Politiker müssten dabei unbedingt lernen, was "von vorne führen" heißt. – Dem Autor ist wieder einmal ein großer Wurf gelungen. Das kluge, anspruchsvolle und sprachlich elegante Werk empfiehlt sich als Pflichtlektüre für Politiker und alle, die sich mit der aktuellen weltpolitischen Lage sowie der internationalen Rolle Deutschlands vertieft auseinandersetzen wollen.
Johann Book
rezensiert für den Borromäusverein.
Macht im Umbruch
Herfried Münkler
Rowohlt Berlin (2025)
430 Seiten
fest geb.