Eyes Closed
Die 16-jährige Maelle führt ein normales Leben. Aufgewachsen in einem Vorort von Le Mans in Frankreich, geht sie dort auf eine Privatschule. Bei Lehrern ist sie beliebt, nimmt immer aktiv am Unterricht teil. Dabei hat sie aber auch ihre größte
Schwäche. Sie hat ein ausgeprägtes Bewusstsein für Gerechtigkeit und muss sich immer durchsetzen, was ihr in der Schule manchmal Ärger einbringt. Deswegen ist sie sehr mitgenommen, als sie im Internet auf die Videos von syrischen Kindern stößt, die im Bürgerkrieg leiden. Sie sieht Aufnahmen davon, wie die westliche Antiterrorkoalition gegen den IS in Syrien kämpft und dabei unabsichtlich auch die Zivilbevölkerung trifft. Maelle kann sich damit nur schwer abfinden und gerät immer tiefer in den Sumpf der Verschwörungstheorien: Die Juden würden die Welt regieren und wären für das Leid verantwortlich, das Essen der Menschen wird vergiftet und noch vieles mehr. Von anderen Personen in den sozialen Medien wird sie in diesen Ansichten bestärkt. Für Argumente ist sie bei diesen Themen nicht mehr zugänglich. Und so fasst sie den Entschluss, selbst etwas zu tun. Im Geheimen konvertiert sie zum Islam und heiratet online einen dschihadistischen Kämpfer. Ihre Mutter Celine und ihre Schwester Jeanne treibt Maelles Veränderung in den Wahnsinn, aber sie verstehen die wahren Hintergründe nicht. Bevor sie dahinterkommen, verschwindet Maelle nach Syrien. – Die Story schafft es, Maelles Geschichte aus vielen verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Alles wird von verschiedenen Personen im Rückblick dargestellt, woraus sich ein sehr vollständiges Bild ergibt. Der Ablauf der Radikalisierung ist dabei sehr klar herausgestellt und es ist spannend zu sehen, wie Maelle immer weiter in diese Welt abrutscht und immer fanatischer wird. Abschließend hinterlässt das schonungslos reale Ende einen bleibenden Eindruck.
Julian Schirm
rezensiert für den Borromäusverein.
Eyes Closed
Bard, Patrick ; aus dem Französischen übersetzt von Ann Lecker und Bettina Arlt
Loewe (2024)
186 Seiten
kt.