Schwanentage
Kuan Kuan ist sieben Jahre alt und Sohn eines wichtigen chinesischen Regierungsbeamten und einer Künstlerin. Yu Ling arbeitet in der Familie als Kindermädchen und ist die wichtigste Bezugsperson für den Jungen. Die Eltern schauen hochmütig über
sie hinweg, sodass Yu Ling, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, die Schere in der chinesischen Gesellschaft tagtäglich erlebt. So plant sie zusammen mit ihrem Freund Dhongu die Entführung des Jungen, für ihn getarnt als Picknickausflug. Währenddessen wird der Vater des Jungen verhaftet, die Mutter verschwindet spurlos und so kehrt Yu Ling mit ihm in das Haus der Familie zurück – zusammen mit einer geretteten Gans, die der Junge beharrlich als Schwan bezeichnet und zu seinem Freund erklärt. Während Yu Ling versucht, für den Jungen die Normalität aufrechtzuerhalten, spürt sie, dass sie sich ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit und ihrem Bild von sich selbst stellen muss, um eine Zukunft zu haben. – Viele kleine, klar gezeichneten Episoden fügen sich zu einem Roman zusammen, der ebenso viele Themen mit sich führt: Frauenleben von heute, gesellschaftliche Kritik, ein Anflug von Kriminalroman, die Abhängigkeit von Geld. Die Mischung aus Realitätssinn und Poetik ist einnehmend, sodass vor den Augen der Leser:innen ein Film entsteht. – Allen Beständen dringend empfohlen.
Susanne Elsner
rezensiert für den Borromäusverein.
Schwanentage
Zhang Yueran ; aus dem Chinesischen von Karin Betz
Ecco (2025)
222 Seiten
fest geb.