Hintergrundgeräusche
Religion hat es schwer in der Literatur einer Zeit, in der mehr als die Bibel der IKEA-Katalog gelesen, mehr als das Jenseits der Tod gefürchtet und mehr auf die Geräusche des Tages als auf die "Akkorde der Ewigkeit" gehört wird. Doch gibt es eine
ganze Reihe von Romanen und Erzählungen, die sich intensiv und nachhaltig, auch recht kritisch mit Phänomenen des Glaubens, mit der ,verblassenden' Gottesfrage, mit dem Transzendenzbegehren des Menschen auseinander setzen. Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück hat sich dieser Literatur angenommen, die vom Glauben als ästhetischer Erfahrung spricht, auch und gerade im Widerspruch zu traditioneller religiöser Erfahrung. Auf diese Weise gelingt es, die Literatur als "Medium menschlicher Selbstthematisierung" ernst zu nehmen und nach den religiösen Sinnreserven zu fragen, die in den Werken von Pascal Mercier (Gottesrebellion im "Nachtzug nach Lissabon"), Ulla Berkéwicz (Liebe und Trauer angesichts des Todes in "Überlebnis"), Judith Hermann (Melancholie und Glücksverlangten in den Erzählungen "Alice"), Thomas Bernhard (Freundesverrat in "Wittgensteins Neffe") und vor allem von Arnold Stadler (Glaubensverlust und -sehnsucht in dem von Pasolinis Film inspiriertem Roman "Salvatore") stecken. Diese Beispielbücher sprechen nicht die vertraute Sprache der Religion, aber sie machen hellhörig für die "Hintergrundgeräusche" unserer Lebenswelt, die sich mit rein weltimmanenten Empfangsgeräten nicht aufnehmen lassen. Belesen, verständlich und in hohem Maße anregend führt der Autor durch die religiös musikalischen Romanwelten der Gegenwart und erinnert an das reiche "Gedächtnis der Frömmigkeit" (Wolfgang Frühwald). Gerne empfohlen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Hintergrundgeräusche
Jan-Heiner Tück
Matthias-Grünewald-Verl. (2010)
155 S.
kt.