Ungenutztes Potenzial
Unsere Gesellschaft ist nicht gott- und schon gar nicht religionslos. Gegen die Tendenz, genau das - zumindest für große Teile der Gesellschaft - resigniert zu behaupten, zeigt Stefan Knobloch in gesammelten Aufsätzen, wo und wie in unserer Gesellschaft
religiöse Sehnsüchte anzutreffen sind - und was die Kirche tun müsste, um diese Sehnsüchte aufzugreifen. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil spricht er von Menschen, "die in Schatten und Bildern den unbekannten Gott suchen" (Lumen Gentium 16). Die Kirche - Priester und Laien - hat die Sehnsüchte dieser Menschen weitgehend übersehen, meint Knobloch. Um darauf aufmerksam zu machen, beschreibt er in einem ersten Teil seiner Aufsätze die Religiosität in unserer Gesellschaft. Für die Kirche ergibt sich die "unüberhörbare Herausforderung", aus den anonymen und unerkannten Gottesbegegnungen "mehr" werden zu lassen, sie zu persönlicher Religiosität hinzuführen. In weiteren Aufsätzen beschreibt er dann die Handlungsmöglichkeiten; dabei orientiert er sich konsequent am Horizont des Konzils. Hohe Wertschätzung bringt er dabei den Ortsgemeinden entgegen, weshalb er auch die gegenwärtigen Strukturreformen scharf kritisiert. Es sei verfehlt, Ortsgemeinden für zu klein, lebensunfähig, einfalls- und mittellos zu halten. - Knoblochs Beiträge sind eine wahre Fundgrube für jeden, der nach neuen Perspektiven für die Seelsorger in der Gegenwart sucht. Nicht erwarten darf man fertige Konzepte oder konkrete Vorschläge für die Seelsorge. Die Sprache der Beiträge ist gefällig und man muss kein Theologe sein, um Knoblochs Ausführungen mit Gewinn zu lesen. Hilfreich ist allerdings eine gewisse Vertrautheit mit theologischen Begriffen und Argumenten. Bischöfen, Pfarrern, pastoralen Mitarbeiter/innen und Pfarrgemeinderäten sehr zur Lektüre empfohlen.
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Ungenutztes Potenzial
Stefan Knobloch
Matthias-Grünewald-Verl. (2011)
160 S.
kt.