Abgehauen
Gonzo, wie sich die 16-jährige Nicole nach einer Sesamstraßen-Figur nennt, kennt kein Zuhause, ihr Leben verbrachte sie in diversen Heimen und "Anstalten". Jetzt ist sie im schlimmsten gelandet, einem geschlossenen Jugendwerkhof, in dem "sozialistische
Persönlichkeiten" aus den Insassen gemacht werden sollen. Training bis zur völligen Erschöpfung, brutale Züchtigungen, menschenverachtende Erniedrigung bis hin zu Einzelhaft im Dunkeln und versuchter Vergewaltigung: Gonzo verletzt sich selbst schwer und auf einem Transport gelingt ihr die Flucht. Sie lernt René kennen, der sie in die Prager Botschaft mitnimmt. Auch wenn er sich ehrlich bemüht, bleibt Gonzo bis zuletzt misstrauisch. Hier erleben sie die historische Zeitenwende und Gonzo findet eine Art Heimat. - Hart, schonungslos und ohne Rücksicht erzählt die Autorin von den unvorstellbaren Verhältnissen in der Erziehungsanstalt. Ganz klar arbeitet sie die Schädigung des zukünftigen Lebens ihrer Hauptperson heraus, die Zerstörung ihrer Fähigkeit zu vertrauen, wenn auch die Konfrontation mit dem Ort am Ende eine Art Heilungsprozess in Gang setzt. Der zeitgeschichtliche Hintergrund wird aus der Perspektive der Betroffenen authentisch geschildert und lässt die "Nachgeborenen" so daran teilhaben. - Ein starkes Stück für belastbare Leser/-innen.
Astrid Frey
rezensiert für den Borromäusverein.
Abgehauen
Grit Poppe
Dressler (2012)
334 S.
kt.