Mond des gefärbten Laubs
Waubgeshig Rice, der selbst zum Volk der Anishinaabe gehört, erzählt die Geschichte einer kleinen indigenen Gemeinschaft. Ein Fortsetzungsroman zu "Mond des verharschten Schnees" (Besprechung nur online), das man nicht zwingend vorher gelesen haben
muss. Die Anishinaabe fischen, jagen Hirsche, Elche, Gänse, Enten, sammeln Heilkräuter, stellen Mokassins her, haben ihre eigenen Lieder, Feste, Rituale. Rice streut in den Dialogen immer mal wieder Wörter der Anishinaabe-Sprache ein. Sie haben eine besondere Beziehung zur Natur, zum Tod und zu ihrer Gemeinschaft. In ihrer Siedlung gibt es wegen der Trockenheit immer weniger Erträge und der See ist überfischt. Deshalb machen sie sich zu sechst auf auszukundschaften, ob sie sich wieder in ihrer alten Heimat im Süden ansiedeln können, die nach einem Blackout zusammengebrochen war. Im Zentrum steht die mutige fünfzehnjährige Nangohns Whitesky, eine sehr gute Bogenschützin. Mit Zelten, Töpfen, Gewehren, Munition und Feuerstein brechen sie zu der monatelangen Reise auf und geraten in einige gefährliche Situationen. – Die Erzählung hallt noch lange nach und macht nachdenklich, wenn man an Gemeinschaften denkt, die im Zuge des Klimawandels ebenfalls ihre Heimat werden verlassen müssen. Rice hat einen packenden, fesselnden Abenteuerroman geschrieben, der mitfühlend, poetisch, warmherzig, Empathie fördernd und horizonterweiternd ist. Für Interessierte unbekannter Kulturen und internationaler Literatur und für alle Abenteuerlustigen empfohlen!
Melanie Schubert
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Mond des gefärbten Laubs
Waubgeshig Rice ; aus dem kanadischen Englisch von Thomas Brückner
Wagenbach (2024)
284 Seiten
kt.