Wittgensteins Mätresse
"Die Welt ist alles, was der Fall ist", schreibt Wittgenstein. Was aber kann dann noch der Fall sein, wenn die Welt einmal menschenleer ist? Was wäre am Ende der Welt geblieben? Mit dieser Gedankenkonstruktion spielt der 1988 erstveröffentlichte
erst in diesem Jahr in deutscher Übersetzung erschienene Roman des US-Schriftstellers David Markson (1927 - 2010). Es ist die Geschichte einer skurrilen, etwas über 40-jährigen Künstlerin namens Kate, von ihr selbst erzählt. Sie hält sich für den letzten Menschen auf der Welt, lebt an einer namenlosen Küste, reist um den Globus, übernachtet in Museen, verbrennt berühmte Gemälde, um sich warmzuhalten. Brachial ist ihr Umgang mit der kulturellen Tradition: literarische Werke, Erinnerungen an Philosophen und Künstler dienen ihr als vage und manipulierbare Orientierungshilfen in einer postapokalyptischen Welt. Worin die Katastrophe bestand, ob sie überhaupt stattfand und nicht nur Einbildung Kates ist, das wird nicht gesagt. Wohl aber, wie überlebenswichtig die Geschichten der Dichter und Denker sind: Sie sind die teuren Geliebten dieser "Museumsdirektorin der ganzen Welt", die Spinoza und El Greco, Wittgenstein und Brahms zusammenbringt, Homer für eine Frau hält und aus den "Tat-Sachen" der Sprache Kunst macht, wie Elfriede Jelinek in ihrem Nachwort aufzeigt. Mit der Sprache, der Literatur, der Philosophie lässt Markson seine Erzählerin eine Welt erschaffen, indem sie sie benennt - in all ihrer Größe, Widersprüchlichkeit und auch "Fälschung der Welt" (Gaddis). Ein manchmal allzu mäandernder und denkverliebter, aber auch Kopf und Herz ansprechender philosophischer Roman, ein alles in allem lesenswertes Denk-Buch. (Übers.: Sissi Tax)
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Wittgensteins Mätresse
David Markson
Berlin Verl. (2013)
335 S.
fest geb.