Drei Schritte nach Russland
Die Schriftstellerin Irina Liebmann, 1945 als kleines Kind von Moskau nach Ostberlin gekommen, zog es in den letzten Jahren immer wieder in das Land ihrer Geburt, das früher Sowjetunion hieß und nun Russland ist. In diesem als "Erzählung" untertitelten
Band stellt sie ihre Annäherung in drei Reisen zusammen. Ihr erster Besuch führt sie vier Monate nach dem Tod ihrer Mutter in ihre Geburtsstadt, wo sie feststellt, dass Russinnen mehr Wert auf ihre modische Erscheinung legen als die Deutschen, wohingegen die russischen Häuserfassaden keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würden. In einer Bibliothek wundert sie sich über kommunismuskritische Bücher seit 1985, wovon sie in der DDR nichts mitbekommen hatte. Ihre zweite Reise führt sie in den Weihnachtsferien ins Pilgerzentrum Kasan zur berühmten Ikone der Kasanerin. Als sie später noch einmal Freunde in Moskau besucht, findet sie Vieles verändert vor. Jetzt halten die Autos für Fußgänger auf der Fahrbahn, "ein Sieg der Humanität". Anhand alter Jahrgänge einer Literaturzeitschrift aus den neunziger Jahren staunt sie über den damaligen kulturellen Hunger. Heute würde die Zeitschrift keinen mehr interessieren. - In fragmentarischen Puzzlesteinen aus wachen Beobachtungen, Erinnerungsschnipseln und Dialogfetzen erschafft die Autorin ein zeitdiagnostisches Kaleidoskop und findet dafür eine poetische Sprache. Sie bringt viele Namen ins Spiel, was etwas verwirrend ist und manchmal auch langatmig erscheint. - Für Leser mit Interesse an der gegenwärtigen russischen Befindlichkeit.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Drei Schritte nach Russland
Irina Liebmann
Berlin-Verl. (2013)
199 S.
fest geb.