Der Einschnitt
Obwohl es fasst jeden zweiten Mann über 60 trifft, wird kaum über Prostatakrebs gesprochen. In diesem Roman durchbricht Tahar Ben Jelloun das Tabu um diese Krankheit und Impotenz. Der Icherzähler, ein 56-jähriger Mathematiker, früh verwitwet und
ein großer Liebhaber von Frauen, entscheidet sich nach der Krebsdiagnose aus Angst vor Metastasen und dem damit verbundenen Leiden für die vollständige Entfernung seiner Prostata. Sein Arzt und Freund klärt ihn über die Folgen auf, dennoch trifft ihn die Realität hart: unkontrollierter Harnfluss in den ersten Monaten nach der OP, keinerlei Gefühl in seinem besten Stück. Er fühlt sich entmannt und allein, fällt in eine Depression. Ist ein Leben ohne Sexualität überhaupt noch lebenswert? - Tahar Ben Jelloun, ebenfalls an Prostatakrebs erkrankt, vermischt in diesem Roman die Erfahrungen eines Freundes mit seinen eigenen. "Ich weiß nicht mehr, was von ihm ist und was von mir ... Ich habe die Panik, die Angst, die Einsamkeit selbst erlebt ... Ich verstecke mich in der Fiktion", sagte Ben Jelloun in einem Interview. Er lässt nichts aus, schreibt ohne Umschweife und schonungslos von den rektalen Voruntersuchungen über den letzten Orgasmus in einer eigens dafür arrangierten Liebesnacht (detailliert, aber nicht vulgär beschrieben) bis zu den Folgen des Eingriffs: auslaufende Windeln, der Versuch, dem Penis mit Spritzen die nötige Standfestigkeit für den Geschlechtsakt zu geben, nicht enden wollende Scham, die Depression. Und schließlich die Akzeptanz, die gleich im ersten Satz des Romans zum Ausdruck kommt: "Seit ich nicht mehr vögle, fühle ich mich freier und liebe die Frauen immer noch mehr." Ein mutiges Buch, gerne empfohlen.
Barbara Sckell
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Einschnitt
Tahar Ben Jelloun
Berlin-Verl. (2015)
124 S.
fest geb.