Kinder des Radiums
Seine inzwischen verstorbene Großmutter hatte Dunthorne nichts über das Leben und Wirken seines Urgroßvaters Siegfried Merzbacher während der NS-Zeit erzählt, auch die Lektüre von Merzbachers 2000-seitigen Memoiren bringen ihn nicht weiter. Erst
seine Recherche in Museen und Archiven und die Lektüre des Briefwechsels zwischen Merzbacher in der Türkei und dessen Chef in Deutschland und der Besuch der Wirkungsstätten seines Urgroßvaters lassen Dunthorne das erschreckende Maß der Mittäterschaft seines Vorfahren ermessen: Der Chemiker war mit seiner radioaktiven Zahnpasta bekannt geworden und hatte bei der Auergesellschaft in Oranienburg und der Orgacid GmbH im heute noch von giftigen Chemikalien verseuchten Ammendorf an der Herstellung von Giftgas mitgeforscht. Sein Chef hatte ihm und seiner Familie die Flucht vor den Nazis in die Türkei im komfortablen Orientexpress ermöglicht und dafür gesorgt, dass Merzbacher weiterhin für Orgacid arbeiten konnte und so nicht nur den Nazis, sondern auch Atatürk zuarbeitete, der ethnische Minderheiten mit chemischen Waffen bekämpfte. – Ein mutiges, gut verständlich geschriebenes Buch, das angesichts der jüdischen Herkunft des Mittäters besonders betroffen macht. – Sehr empfehlenswert!
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Kinder des Radiums
Joe Dunthorne ; aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Berlin Verlag (2025)
251 Seiten : Illustrationen
fest geb.