Sündenfall
Wer hinter dem einprägsamen Titel ein Buch über Verfehlungen in Religion oder Kirche vermutet, sieht sich getäuscht: Hier geht es um den "Sündenfall der liberalen Republik", wie der Autor das System des Wegsehens und Vertuschens im Falle der Odenwaldschule
nennt. Sehr gründlich und in leicht lesbarer Sprache zeigt er auf, wie diese Vorzeigeschule von ihrem langjährigen Leiter G. Becker zu einem Hort sexuellen Missbrauchs gemacht werden konnte. Auch die Frage, inwieweit die Reformpädagogik selbst in diesem Punkt angreifbar ist (Stichwort: pädagogischer Eros), wird gestellt - nie polemisch, aber sehr deutlich und mit vielen Fakten untermauert. So kommen ganz zu Beginn etliche Missbrauchte zu Wort, sodass gleich die Ohnmacht der Opfer anschaulich thematisiert wird - ohne je voyeuristisch zu werden. Insgesamt erschließt sich dem Leser so ein Einblick in einen nicht vorstellbar geglaubten Kosmos des Grauens, dessen Ursachenforschung - neben dem persönlichen Versagen einzelner - nicht nur Pädagogen noch länger beschäftigen dürfte. Empfehlenswert!
Susanne Elsner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sündenfall
Christian Füller
DuMont (2011)
255 S.
fest geb,.