Alfred Landecker
Der Jude Alfred Landecker ist ein unauffälliger Zeitgenosse, der 1913 seine wirtschaftsschwache Heimat Ostpreußen verlässt, um – 28-jährig – in der aufstrebenden Stadt Mannheim sein Glück zu versuchen. Zunächst wird er 1914 Soldat und kehrt
1918 unversehrt zurück. Die Niederlage Deutschlands wird allerdings bald u.a. dem "bolschewistischen Judentum" zugeschrieben. Es folgen die Eheschließung mit der katholischen Marie Geßner, Hyperinflation 1923, Tod seiner Frau 1928 und die Weltwirtschaftskrise. 1933 bekommt er die Bücherverbrennung und die schrittweise Ausgrenzung von Juden mit, z.B. im Freibad. Seine Kinder, zwar katholisch getauft, erleben eine schwere Zeit in der Schule. Sie dürfen keine BDM-Uniform tragen, nicht am Schwimmunterricht teilnehmen und müssen als Nicht-Arier samstags in den Unterricht, während die HJ Freizeitaktivitäten durchführt. Familienzusammenhalt wird immer wichtiger. Alfred und seine Kinder bekommen die Festnahmen und Überfälle am 10. November 1938 mit. Bald beginnt die Deportation pfälzischer Juden nach Gurs. Er hat Glück, denn hinter seinem Namen auf der Liste steht "Arier" (aus Versehen?). Das Leben in Mannheim wird immer härter (kein Fleisch, Milch, Eier für Juden). Im April 1942 wird er dann doch verhaftet. Sein Sohn Willi muss unter Tränen ansehen, wie sein Vater abgeholt wird. Seine letzte Spur findet sich im Durchgangslager Izbica. In aussichtsloser Lage schreibt er seiner Tochter: "Bleibt gesund und werdet mir ordentliche Menschen! Ihr habt eine Zukunft – verplempert sie nicht." – Die Leser:innen werden vom Schicksal dieses Mannheimer Juden ergriffen sein. Alle, Alte und Junge, besonders Jugendliche und Heranwachsende müssen sich mit diesem Kapitel deutscher Geschichte auseinandersetzen.
Berthold Schäffner
rezensiert für den Borromäusverein.
Alfred Landecker
Annette Prosinger
Wallstein Verlag (2024)
226 Seiten : Illustrationen
fest geb.