Rangatira
Der Maori-Anführer Paratene Te Manu sitzt 1886 dem deutschstämmigen Maler Gottfried Lindauer in Auckland Modell. Lindauer soll im Auftrag eines englischen Geschäftsmannes Maori porträtieren. Während Lindauer malt, wandern Paratenes Gedanken zurück
zu einer anderen Gelegenheit, bei der er schon einmal gemalt wurde. Damals, in den sechziger Jahren, als er mit anderen Anführern (Rangatira) in London war. Die Sitzungen bei Lindauer bilden die Rahmenhandlung des Romans. Dazwischen schildert Paratene die beschwerliche Schiffsreise und die Besichtigungstouren in englischen Städten. Begeistert berichtet er vom Besuch bei der Queen, dem Höhepunkt ihrer Reise, und erinnert sich an viele freundliche Menschen, die ihm und seinen Mitreisenden mit Respekt und Interesse begegneten. Doch die Reise hatte auch eine abstoßende Seite. Es gab ständig Streit um Geld mit dem Organisator der Reise, einem windigen Geschäftsmann, vor Publikum fühlten sie sich oft als Wilde zur Schau gestellt und zu allem Überfluss setzte ihnen der Winter in England zu, alle litten unter Erkältungen oder Schlimmerem. - Der Roman der neuseeländischen Schriftstellerin Paula Morris beruht auf einer wahren Begebenheit. Auch wenn er von der Grundstimmung her eher traurig ist, habe ich ihn mit wachsender Begeisterung gelesen. Die farbigen und offensichtlich mit großer Sorgfalt recherchierten Beschreibungen der verschiedenen Etappen der Reise sind ein Genuss. Und Morris versteht es meisterhaft, Paratene zum Leben zu erwecken. Sie gibt ihm die einfache Sprache eines Menschen, der nicht intellektuell, gleichwohl aber lebenserfahren, ja weise ist. Morris arbeitet darüber hinaus äußerst geschickt die verschiedenen kulturellen Einflüsse heraus, denen Paratene unterworfen war. Als Roman über die Kultur der Maori und die Kolonisation Neuseelands und ein großartiges Stück neuseeländischer Literatur sehr zu empfehlen. (Übers.: Marion Hertle)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Rangatira
Paula Morris
Walde + Graf (2012)
271 S. : Ill., Kt.
fest geb.