Buchstaben von Feuer
Auf dem Dach des 1999 im Kosovo-Krieg zerstörten Belgrader Innenministeriums erwacht der Geist Siegfried Wahrlich wieder zum Leben. Er selbst hat an der Errichtung dieses Gebäudes mitgearbeitet - im Dienst des totalitären Regimes Titos. Das ist
typisch für Wahrlichs Leben: Der Überzeugung nach Kommunist, diente er, nachdem er einige Jahre im KZ Buchenwald verbracht hat, auch schon den Nazis als Architekt und Soldat. Wahrlichs Widerstand findet nur im Kleinen statt. Meistens nimmt er die Dinge so, wie sie andere für ihn entschieden haben - oder der Zufall sie arrangiert. Und doch gehört er mit zwei im KZ verlorenen Fingern zu den Opfern und ist damit ein Teil des Aschenmannes, dem er auf dem Dach der Ruine begegnet. Der Roman beschäftigt sich mit einem halben Jahrhundert Deutscher Geschichte, in die das Schicksal Wahrlichs verwoben ist. Ivanjis humorvoller Tonfall schafft eine Distanz zu den Ereignissen. Dadurch sorgt er für eine gewisse Leichtigkeit, trotz des ernsthaften Themas, dessen Realitätsbezug durch die Verwendung historisch belegter Figuren unterstrichen wird. Sehr empfehlenswert.
Walter Brunhuber
rezensiert für den Borromäusverein.
Buchstaben von Feuer
Ivan Ivanji
Picus (2011)
214 S.
fest geb.