Das Rätsel der Königin von Saba
Reine Spekulation, vielschichtige Interpretation! Das könnte man als Fazit der vorliegenden Untersuchung über die Begegnung Salomos mit der Königin von Saba (1 Kön 10) festschreiben, wenn sich der Bibelwissenschaftler Ulfrid Kleinert darauf beschränkt
hätte, vermeintlichen Spuren durch die Jahrhunderte akribisch zu folgen, sie mit wackligen historischen Konstruktionen zu verknüpfen oder sie - entsprechend dem jeweiligen Zeitgeist - als absolute Wahrheit zu bewerten. Natürlich will auch Kleinert dieser Geschichte auf den Grund gehen und evtl. vorhandene Belege aufzeigen, aber sein Anliegen ist es, Wiedergabe und Deutung dieser historisch nicht nachweisbaren Begegnung im Judentum, Christentum und Islam sowie ihre vielfältige künstlerische Ausformung seit dem frühen Mittelalter bis in die Gegenwart deutlich zu machen. Für den Autor ist der Besuch der Königin bei Salomo eine viele Jahre nach dessen Regierungszeit entstandene Erzählung von zwei selbstbewussten, ebenbürtigen Persönlichkeiten, wobei im Laufe der Zeit vor allem die Rolle der namenlosen Königin verändert, z.T. erhöht, aber auch verunglimpft, ja dämonisiert wurde. So wird sie im Judentum - je nach Situation - als reiche, weise Frau und Königin anerkannt, aber auch als Bedrohung und Verführerin verachtet; im Christentum sieht man sie aufgrund von Jesus-Worten (Lk11,31; Mt12,42) als Vorbild und Visionärin; im Islam thront sie als orientalische Herrscherin neben dem Propheten Süleyman (Salomo). - Interessante und anschauliche Lektüre, jedoch nur für einen speziellen Leserkreis!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das Rätsel der Königin von Saba
Ulfrid Kleinert
Primus-Verl. (2015)
144 S. : zahlr. Ill. (z.T. farb.)
fest geb.