Wir Sonntagskinder

Waren Gottfried Benn und Thea Sternheim „Sonntagskinder“? So beschreibt der Biograf Armin Strohmeyr das Verhältnis dieser Künstlerpersönlichkeiten. Wer seinen handlichen und flott geschriebenen Band zur Hand nimmt, kann sich gut und gerne auf Wir Sonntagskinder die Geschichte einer abenteuerlichen Kreuzfahrt durch zwei Leben einlassen, die in Faszination und Furcht, Hader und Abhängigkeiten, auch über längere Funkstillen hinweg, wechselseitig verbunden sind. Strohmeyr arbeitet diese Gegensätze und Gemeinsamkeiten klarsichtig heraus. Die erste Begegnung im herrschaftlichen Haus der Sternheims bei Brüssel verläuft eher enttäuschend. Es ist Februar 1917, Thea Sternheim und ihr Mann, der expressionistische Dramatiker Carl Sternheim, feiern die Gedichte des jungen Autors als Frühling der Literatur. Doch der tritt ihnen nicht, wie erwartet, als Dandy entgegen, sondern als zwar charmanter, aber linkischer und pagenhafter Typ, der einmal wie im Offizierskasino spricht und ein andermal wie ein abgebrühter Pathologe. Die unterschiedliche soziale Herkunft, Benn kommt aus einer Pastorenfamilie, Thea Sternheim aus einer Industriellendynastie, prägt wie die grundverschiedene Einstellung zu Krieg und Frieden auch den künftigen Austausch. Erschwert wird alles durch Benns späteres zeitweiliges Verhältnis zu Theas gerade erwachsener Tochter Mopsa. Was Benn öffentlich sagt, findet oft Thea Sternheims Widerspruch, was er denkt, bleibt ihr unklar, aber was er schreibt, schlägt sie in Bann, poetisch und auch erotisch. Benn nennt sie „Protectorin“ und „Chefromancière“ und fördert nach 1945 ihre literarischen Werke. Aber so sehr Benns wortschwere und dennoch leichtfüßigen Gedichte sie verzaubern, so wenig erliegt sie, anders als einige andere Frauen, dem Zauber Benns selbst, der einmal bemerkte, gute Regie sei besser als Treue. In der nationalsozialistischen Zeit verlässt Thea Sternheim Deutschland, Benn bleibt im Dickicht der inneren Emigration, was die beiden entzweit. 1949 kommt es zu einem Wiedersehen in Berlin. Und wieder ist die Mutter von Benns lyrischem Comeback und der Wortmagie seiner Gedichte entzückt, die Tochter zweifelt an Benns Position. Eine durchweg spannend zu lesende Biografie, die den Widersprüchen von Sonntagskindern, die zueinander nicht wirklich finden konnten, intensiv nachgeht. Sehr zu empfehlen.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Wir Sonntagskinder

Wir Sonntagskinder

Armin Strohmeyr
ebersbach & simon (2025)

blue notes ; 122
141 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 623642
ISBN 978-3-86915-321-6
9783869153216
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Li
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