Als die Bücher noch geholfen haben
Friedrich Christian Delius (* 1943) ist einer der bekanntesten Repräsentanten jener Generation von Schriftstellern, die von den politisch so unruhigen 60er Jahren des 20. Jh. geprägt worden ist. Wie wichtig diese Zeit um das Jahr 1968 herum für
den Autor ist, erkennt man schon am chronologischen Verlauf der Aufzeichnungen. Sie beginnen nicht mit Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, sondern setzen sofort mit den sechziger Jahren ein. Über seine Kindheit hat der Autor aber auch bereits in der Erzählung "Bildnis der Mutter als junge Frau" eine sehr bewegende Erinnerung geschrieben. Die für die Literaturgeschichte der Bundesrepublik bis hin zum Mauerfall und den dann folgenden Jahren des wiedervereinten Deutschland zentralen Schriftsteller und Verleger scheint der Autor auch fast alle gekannt zu haben. Wer diese Zeit selbst miterlebt hat, findet in diesem autobiografischen Text des Autors auch viele Namen und Ereignisse, an die er sich erinnert. Der Konflikt um den Wagenbach-Verlag und dessen Haltung zur terroristischen 'Rote-Armee-Fraktion' hat gewiss einen historischen Wert, aber jüngere Leser dürften sich dafür vermutlich heute kaum noch interessieren. Hingegen liest man die Aufzeichnungen über die trotz der 'Berliner Mauer' immer existierenden deutsch-deutschen Literatenbeziehungen mit Neugierde und Gewinn. Auch seine Dankesrede bei der Entgegennahme des Georg-Büchner-Preises im Jahr 2011, die diesen Band abschließt, ist ein sehr lesenswertes literarisches Dokument. Delius hat sich stets als ein "linker Schriftsteller" verstanden, aber er hat immer sowohl zu den politischen Terroristen als zu den ostdeutschen Stasi-Kommunisten eine glaubwürdige Distanz gehalten. Von diesem unentwegten und letztlich gelungenen Versuch eines Schriftstellers, sich seine Integrität in der Zeit des Kalten Krieges und der Terrorattentate zu bewahren, handelt dieses Buch. Für große Bestände.
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Als die Bücher noch geholfen haben
Friedrich Christian Delius
Rowohlt (2012)
296 S. : Ill.
fest geb.