Tucholsky
Es ist eine Mode von Biografien geworden, sich an den Widersprüchen der behandelten Persönlichkeiten abzuarbeiten. Auch im Falle von Kurt Tucholsky (1890-1935) hat der Biograf Rolf Hosfeld, seines Zeichens Verlagslektor und Redakteur, eine nicht
leicht zu fassende Figur vor Augen: scharfzüngiger Journalist und beherzter Romancier, Satiriker in der "Weltbühne" und politischer Aktivist, schnoddriger Lyriker und Kabarettautor. Das sind Widersprüche der Wirkungsgeschichte, die aber nicht am Werk überprüft werden - ein kleiner Nachteil dieser Biografie. Dafür gelingt es dem Biografen, mit vielen kleinen Geschichten das einseitige Bild vom Meister der leichten Muse und vom dauerpazifistischen Künstler (auch Tucholsky schrieb nach 1914 Kriegsgedichte) zu korrigieren. Auch vom Pendeln zwischen Berlin, Paris und Schweden sowie den Beziehungen zu Frauen wird einlässlich erzählt. Tucholsky war ein "pessimistischer Aufklärer", ein antiromantischer Republikaner, ein "Wertkonservativer mit linken Zügen" und Wahrheitsfanatiker, der an einer Art von depressiver Hilflosigkeit zugrunde ging (den Selbstmord stellt Hosfeld infrage) - das ist das Bild, das uns diese Biografie von Tucholsky vermittelt. Eine Biografie, die uns heute einiges zu sagen hat. Größeren Beständen empfohlen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Tucholsky
Rolf Hosfeld
Siedler (2012)
318 S. : Ill.
fest geb.