Neuschwanstein
Ständige Selfies und eine riesige Kauflust - das verbindet so mancher mit chinesischen Touristen. Doch das ist nur ein Blickwinkel. Der Autor hat lange in China gelebt. Seine Sprachkenntnisse bringen ihn auf die Idee, eine durchschnittliche chinesische
Touristengruppe auf ihrer Europatour zu begleiten. So entsteht an den einzelnen Stationen oft eine doppelte Perspektive: wie er etwas kennt oder erlebt hat und wie es die Gäste aus Ostasien wahrnehmen. Sie vergleichen beispielsweise den Verkehr um den Pariser Triumphbogen mit dem in Beijing und ziehen des Öfteren für Europäer unerwartete Schlüsse. Erstaunlich mag da auch sein, dass sich die chinesischen Reiseangebote keineswegs nur an eine Geld- oder Bildungsoberschicht richten. Trotzdem sind die Ansprüche der Reisenden im Vergleich viel geringer. Selbst der wohlhabende Investmentbanker stört sich nicht an der eher bescheidenen Verköstigung und an den Strapazen langer Busfahrten. Dem Europateil fügte der Autor noch weitere Kapitel an, in denen er die späteren Begegnungen mit seinen Reisebegleitern an deren Wohnorten in China schildert. - Das Buch bringt dem Leser die modernen Chinesen näher; vor allem entdeckt er viele menschliche Gemeinsamkeiten beim Reisen, erfährt aber auch, dass sie nicht unwissend (auch nicht in religiösen Dingen) in den fernen Westen reisen, Schnee und reine Luft einen anderen Stellenwert für sie haben und Neuschwanstein wirklich der Inbegriff der Romantik für sie ist. Interessant für alle, die China etwas besser verstehen wollen, aber auch, um Deutschland einmal aus der Außenperspektive zu betrachten.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Neuschwanstein
Christoph Rehage
Malik (2016)
271 S. : Ill., Kt.
kt.