Der Garten aus Glas
Lastotschka ist heute eine Chefärztin in Bukarest. Als Waisenkind und später bei ihrer Ziehmutter, einer Flaschensammlerin, erlebt sie in der Enge eines Hofes in Chisinau die Wende des Kommunismus und das Selbständigwerden der Region östlich des
Dnjestr. Das Mädchen macht das an der Sprache fest; sie will das ihr vertraute Moldawisch auch lesen und schreiben lernen, während die Ziehmutter Tamara Pavlovna ziemlich vehement auf dem Russischen beharrt. Gleichzeitig bläut sie ihr ein, durch Fleiß etwas erreichen zu können. Die Umbrüche macht die Autorin an Kleinigkeiten und Verhaltensänderungen der Hoflebensgemeinschaft fest, eben wie sie ein Kind in eher bedrängten Verhältnissen wahrnimmt. Pavlovna nutzt die Wirren der Zeit geschickt und steigt in den Schmuggel zwischen Moldawien und Odessa ein. Sie häuft offenbar ein bescheidenes Vermögen an, so dass Lastotschka Medizin studieren kann. Erst in dieser Epoche wird ihr bewusst, dass Moldawisch/Rumänisch durchaus eine Literatursprache und nicht nur die einer Unterschicht ist. - Die Autorin arbeitet mit Schlaglichtern auf Episoden, als wären sie ihrer Protagonistin gerade erst eingefallen. Wie diese die Menschen um sich herum wahrnimmt, wandelt sich vom scheuen Blick des Waisenkindes in den einer jungen zielstrebigen Frau. Wie essenziell die Sprache ist, macht sie - besonders zu Anfang - durch eine ganze Reihe von Gegenüberstellungen kurzer Phrasen in Moldawisch und in Russisch deutlich. Sie spielt dabei auf Feinheiten an, die dem Nicht-Sprecher nur z.T. verständlich werden. Insofern braucht das unsentimentale Buch ausdauernde Leser.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Garten aus Glas
Tatiana Tibuleac ; aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Schöffling & Co. (2023)
269 Seiten
fest geb.