Der gefrorene Rabbi
Der Teenager Bernie Karp findet in der elterlichen Gefriertruhe einen Eisblock, der einen osteuropäischen Rebbe umhüllt. Bei einem Stromausfall taut dieser auf und lernt schnell, sich im 21. Jh. zurechtzufinden. Er gründet ein "Haus der Erleuchtung"
und verkauft dort recht geschäftstüchtig Lebensweisheit. Parallel zum Hauptstrang wird erzählt, wie der Religionsgelehrte ins Eis geriet und auf welch seltsamen Wegen der Eisblock in die USA gelangte. Als Schmuggelschutz für Kaviar gelangt er auf einem Einwandererschiff nach New York, nachdem er in Polen schon Gegenstand der Verehrung und Auslöser verheerender Verwirrungen war. Sein Begleiter hat die Chance, ein Eisimperium aufzubauen, bis sein Sohn als Gangster der Prohibitionszeit die Hallen abfackelt, wobei der Vater ums Leben kommt. Der Sohn büßt sein Tun als Held in den Kämpfen vor der Staatsgründung Israels. - Nichts ist dem Autor heilig, könnte man seine Darstellungen umschreiben, ließen nicht groteske Übersteigerungen erkennen, dass hinter der wilden, farbenfrohen Geschichte (zumindest leise) Verehrung für die Menschen steht, die wichtige Schritte dafür getan haben, dass sich die Juden im 20. Jh. aus dem einengenden osteuropäischen Ghetto befreien konnten. So wurde der Rebbe in der Heimat als wundertätig verehrt; nach dem Auftauen schlüpft der alte Herr ohne Zaudern in dieselbe Rolle. Allerdings mit mehr wirtschaftlichem Erfolg. Die Welt erwartet das Wunder - heute wie damals, lässt sich als Quintessenz unschwer ablesen. Wie in den Kapiteln um das Wirken des Rebben, lässt Stern auch sonst kein selbst geschaffenes oder angedichtetes Klischee über Juden aus. Eine köstliche Persiflage. Allerdings setzt sie zum vollen Genuss - trotz Glossar - Grundkenntnisse des Jiddischen und der jüdischen Geschichte voraus. (Übers.: Friedrich Mader)
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der gefrorene Rabbi
Steve Stern
Blessing (2011)
495 S.
fest geb.