Des Fremden Kind

1913 verbringt Cecil Valance, ein junger Schriftsteller, ein paar Tage im Haus der Familie Sawle. Die 16-jährige Daphne verliebt sich in ihn, während er eine Affäre mit ihrem Bruder hat. Er schreibt ihr ein Gedicht in ihr Poesiealbum. Cecil verstirbt Des Fremden Kind 1916, und das Gedicht wird zum Symbol des Ersten Weltkriegs, das bis in die Gegenwart in Schulbüchern auftaucht. Zehn Jahre später macht sich Sebbie Stoke an eine Biographie Valances und stochert im Nebel der familiären Erinnerungen. Alle Beteiligten bemühen sich krampfhaft, Cecils sexuelle Ausrichtung zu verschweigen. In den 60ern stolpert Paul Bryant über den Dichter und seine Familie und fängt über lange Zeit an, den Familiengeheimnissen - Daphne hat sich inzwischen von Cecils Bruder getrennt - nachzugehen. Man bekennt sich zu homo- und bisexuellen Neigungen. Die Wandlung in den Auffassungen wird im letzten Abschnitt überdeutlich, als sich Literaten auf den Spuren Cecils zu einer Gedenkfeier für einen verstorbenen Kollegen treffen. - Das Buch lässt sich auf zwei Ebenen lesen. Einmal, wie sich das Verhältnis zur Homosexualität von viktorianischer Prüderie samt Strafdrohung löst und entspannt; zum anderen wirft es bezeichnende Blicke auf Familien der Mittel- und Oberschicht und die Spannungsverhältnisse der einzelnen Mitglieder untereinander. Irritierend beim Lesen kann sein, dass der Autor die jeweiligen Protagonisten ihr eigenes Handeln kommentieren und beurteilen lässt. Ansonsten gibt der Autor das Spiel mit dem Sich-bedeckt-halten und Nichts-preisgeben, das Andeuten und Ausweichen den Leser amüsierend wieder. Für literarisch Interessierte. (Übers.: Thomas Stegers)

Pauline Lindner

Pauline Lindner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Des Fremden Kind

Des Fremden Kind

Alan Hollinghurst
Blessing (2012)

686 S.
fest geb.

MedienNr.: 365997
ISBN 978-3-89667-468-5
9783896674685
ca. 24,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.