Treppe aus Papier

So verschachtelt wie das Titelbild in die Ferne blicken lässt, so lässt uns dieser Roman die Vergangenheit erleben. Ein 100 Jahre altes Gebäude erzählt den Leserinnen und Lesern von seinen ehemaligen und aktuellen Bewohnern. Für das Haus gilt Treppe aus Papier unser chronologisches Zeitverständnis nicht, es hat ein eher räumliches Gedächtnis. Dinge, die an ein und demselben Ort stattgefunden haben, erscheinen gleichzeitig. So mäandert die Erzählung immer wieder zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, wir erhalten Einblicke in Momentaufnahmen aus den verschiedenen Jahrzehnten. Im 4. Stock, wo heute die 15-jährige Nele mit ihren Eltern und dem Hund Balu wohnt, lebte früher die jüdische Familie Sternheim mit ihrer Tochter Ruth. Irma, die alte Dame weiter unten im Haus, bewohnt noch immer die Zimmer, in denen sie zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs mit ihrem nazitreuen Vater und der strengen Mutter aufwuchs. Nele kommt mit der mittlerweile 90-jährigen Irma in Kontakt und stellt daraufhin in ihrer eigenen Familie viele Fragen über die Vergangenheit. Es geht um Verantwortung und Mitläufertum sowie um unbequeme Wahrheiten, denen sich jede und jeder von uns auch heute noch stellen muss. – Die Idee mit dem erzählenden Gebäude ist gut gemacht und auch sprachlich sehr interessant umgesetzt.

Franziska Knogl

Franziska Knogl

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Treppe aus Papier

Treppe aus Papier

Henrik Szántó
Blessing (2025)

224 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 754722
ISBN 978-3-89667-778-5
9783896677785
ca. 23,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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