Schweigen

Shusaku Endo gilt als der Graham Greene Japans. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Das Katholische ist bei ihm Thema und Stoff, Gnade und Schuld spielen eine große Rolle in seinen Romanen. Doch der Autor (1923-1996) steht außerhalb des europäischen Schweigen Kulturkreises. Über das Christentum schreibt er in japanischen "Überseezungen", um Yoko Tawadas Kunstwort zu benutzen: Wie kommt die Bibel, wie kommt der christliche Glauben in einer anderen, fremden, abständigen Kultur an? Endo geht zurück zu den Ursprüngen des interreligiösen Dialogs in Japan, in die Zeit zwischen 1549 und 1639, die das "christliche Jahrhundert" genannt wird. - Der Roman "Samurai", 1980 erschienen, 2016 von Jürgen Berndt ins Deutsche übersetzt, spiegelt die Probleme der Missionierung in der Figur des Franziskanerpaters Velasco. Dieser spirituelle Don Quichotte verlässt Japan im Jahr 1613 mit einem landadligen Samurai, um in Mexiko und Spanien Handelskontakte zu knüpfen und um sich in Rom bei Papst Paul V. kirchlichen Rückhalt zu holen - und um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen: Er will Bischof werden. Als sie vier Jahre später nach Japan zurückkehren, hat sich die Situation gründlich verändert. Der neue japanische Herrscher toleriert seine Arbeit nicht mehr mit Rücksicht auf florierende Handelsbeziehungen wie sein Vorgänger. Er hält die Missionare für die Vorhut der Eroberer und will das Christentum verbieten. Velasco bekommt keinen Zutritt mehr ins Land, als er illegal wiederkommt, verhaften ihn Beamte und verbrennen ihn. Der Roman ist weit mehr als ein historisches Sittenbild aus dem japanischen Frühmissionszeitalter. Mit starken Federstrichen entwirft Endo die Nöte des Glaubensbekenntnisses und der Gottestreue in schweren Zeiten. - "Schweigen", 1969 in japanischer Sprache erschienen, ist Shusaku Endos wichtigster Roman. Auch er führt in die von Glaubenskämpfen und Kolonisationsängsten zerrissene Epoche der Missionierung Japans im 16. Jahrhundert. Diesmal sind es zwei portugiesische Jesuitenpater, denen der Autor die Perspektive auf ein Christentum in der Krise anvertraut. Rodrigues und Garpe haben im Jahr 1637 die Aufgabe, dem Gerücht nachzuspüren, dass ihr Lehrer Ferreira unter dem Druck der japanischen Herrscher dem christlichen Glauben abgeschworen hat. Ihr Japanbesuch wird zu einer Reise ins Herz der Finsternis. Sie lernen Verfolgung und Folter konvertierter Christen kennen, Rodrigues wird verraten und leugnet selbst seinen Glauben, am Ende nimmt Ferreira, ein "abgefallener Paulus", dem Verräter die Beichte ab. Zentral ist dabei die Frage, wie lange ein Martyrium lohnt und welche Rolle Judas im Heilsplan spielt. Martin Scorsese, der Endos Roman verfilmt hat, weiß darauf eine Antwort: Rodrigues muss zum Judas werden, um den Verrat an Gott und das Schweigen von Gott zu verstehen. Der Roman führt tief in die von Gebet und Gewalt geprägte Geschichte der christlichen Religion in Japan, lässt die Grausamkeit der Grubenfolter ebenso wenig aus wie die Gewissenskonflikte abtrünniger Gläubiger. Ein starkes, faszinierendes Porträt einer in Europa noch viel zu unterbelichteten Epoche mit einigen Aktualitätsbezügen zum Gewaltpotenzial der Religionen. (Übers.: Ruth Linhart)

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Schweigen

Schweigen

Shusaku Endo
Septime (2016)

308 S.
fest geb.

MedienNr.: 587548
ISBN 978-3-902711-40-3
9783902711403
ca. 22,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.