Der König von Bangkok
Als Nok Anfang der 80er-Jahre vom Land in die Stadt zieht, ist er einer von Tausenden Tagelöhnern, die in Bangkok ihren Familien ein finanzielles Auskommen sichern möchten. Aber die Arbeit ist hart und auf den Baustellen herrschen lebensbedrohliche
Zustände. Noks Frau Gai kümmert sich auf dem Land um den gemeinsamen Sohn und um Noks pflegebedürftigen Vater. Die politischen Wirren in Thailand berühren die Familie zunächst wenig, was sich aber nach dem Militärputsch 2006 und den landesweiten Protesten der Rothemden 2010 ändert. Nok schließt sich der Demokratie-Bewegung an und verliert bei einem Polizeieinsatz sein Sehvermögen. Als alter behinderter Mann bewertet er seine Bemühungen um Glück und Wohlstand für seine Familie als gescheitert. Am Schicksal eines Wanderarbeiters wird in dieser Graphic Novel die jüngste Geschichte Thailands aufgezeichnet. Jenseits der Touristenregionen wird hier von einem sozial, politisch und wirtschaftlich krisengeschüttelten Land erzählt. Man erfährt von den Differenzen zwischen den Land- und den Stadtbewohnern, von den schicksalhaften Einschlägen gegen die arme Bevölkerung und davon, wie die politische Gewalt den Körper eines Mannes versehrt. Die Blindheit der Hauptfigur ist eine Metapher für die Verluste und seelischen Kränkungen, denen ein Individuum ausgesetzt ist. Die Bilder, die für diese Prozesse gefunden werden, sind grandios: es gelingt, die Wahrnehmung eines Blinden bei seinem Gang durch die Großstadt nachzuempfinden. Das lautstarke Chaos auf den Straßen, die dunklen Stunden der Bitterkeit und die schwindende Hoffnung auf Besserung der Lebensverhältnisse – all dies wird in der Illustrierung und der fulminanten Seitenarchitektur zum Ausdruck gebracht. Zeichnerisch ist dieser Band hochinteressant und auch die Erzählweise dieser Landes- und Globalisierungsgeschichte überzeugt auf jeder Seite.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Der König von Bangkok
Claudio Sopranzetti ; Zeichnerin: Sara Fabbri ; Chiara Natalucci ; Übersetzung: Katharina Kral
bahoe books (2025)
203 Seiten : farbig
fest geb.