Der Phönix
Eine hochbegabte Pianistin, einen genialen Dichter, einen im Ersten Weltkrieg schwerst Traumatisierten, einen begnadeten Patissier und weitere Ausnahmetalente - sie alle lernt der Leser zunächst als Einzelindividuen kennen. Dazwischen taucht immer
wieder im Montreal unserer Zeit der von der Streetworkerin Sarah "Phoenix" genannte verwirrte Mann auf, der fantastische Gerichte kochen kann, genial malen und alle Sprachen der Welt zu sprechen scheint. Sein Klavierspiel dringt tief in die Seelen der Zuhörer, aber er entzieht sich näherem Kontakt. Ein Hinweis auf sein Geheimnis gibt ein Kapitel über einen sehr alten Wald in Utah, in dem 50.000 Zitterpappeln in einem riesigen Netzwerk ihrer Wurzeln miteinander verbunden sind. Die Streetworkerin Sarah und ihre Freundin, eine Neuropsychologin, sind von diesem Mann fasziniert und versuchen sein Geheimnis zu ergründen - mit überraschender Lösung. Auch die Lesenden können die Faszination der Ausnahmetalente nachvollziehen, die der Phönix in sich vereint. Es ist zwar Fiktion, aber die besondere Rolle von Kunst ist real, wenn sie in höchster Vollendung die Seele berührt. Auch wenn das Lesen an einigen Stellen (möglicherweise wegen der Übersetzung) etwas holprig wird, ist der Roman für erfahrene Leserinnen und Leser psychologisch interessanter Literatur zu empfehlen.
Lotte Schüler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Phönix
Marie-Anne Legault ; aus den Québecfranzösischen von Jennifer Dummer
Kommode Verlag (2023)
411 Seiten
fest geb.