Vertrauensübung
Vertrauensübungen: So heißt ein Unterrichtsfach an der CAPA, einer US-Schauspiel-Eliteschule, in dem es um die Unterschiede zwischen Rolle und Ich und um den Aufbau eines künstlerischen Egos geht. Es sind die frühen 1980er Jahre. Der Lehrer Mr
Kingsley provoziert mit seiner charismatischen Ausstrahlung das Vertrauen der Schüler und Schülerinnen, die jung genug sind, um alles mitzumachen, was er sagt und sie zu tun auffordert. Und da sind Sarah und David, zwei Teenager, deren Verliebtheit sie zu Stars macht in ihrer Klasse, ein Musterpaar mit allseits beneidetem Optimismus. Doch irgendetwas scheint schiefzulaufen, ein unrühmliches, vielleicht katastrophisches Ende deutet sich an – da lässt Susan Choi ihren Roman umkippen und erzählt in einem neuen langen Kapitel die Geschichte von David und Sarah und ihrem Lehrer aus einem neuen, ganz anderen, späteren Blickwinkel. Sarah, soviel sei gesagt, ist inzwischen Schriftstellerin geworden und hat einiges in ihrer Biografie umgeschrieben, um nicht zu sagen: gefälscht, was die Lesenden ihr aus dem ersten Kapitel unbesehen abgekauft haben. Und der Lehrer, auch so viel wird klar, hat ein fast pornographisches Schulsystem aufgebaut, in dem nicht Entdeckungslust und Liebe zählen, sondern Verwirrung, Entfremdung und Missbrauch. Damit wird der Roman, der 2019 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, selbst zur Vertrauensübung für den Leser und die Leserin, die sich fragen müssen, wem und was sie denn jetzt glauben sollen. Eine spannende, manchmal produktiv verwirrende Story über die Grenzen der künstlerischen Bildung, die Defizite emotionaler Intelligenz und die Gefahr sogenannter alternativer Wahrheiten.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Vertrauensübung
Susan Choi ; aus dem Amerikanischen von Tanja Handels und [einer weiteren]
Kjona Verlag GmbH (2023)
346 Seiten
fest geb.