Dass ich sein kann, wie ich bin
"Sanften Mut" hat Erich Fried ihr bescheinigt, ihre Dichtung stehe "außerhalb jeder Regel", schreibt Marcel Reich-Ranicki. Hilde Domin (1909-2006) gehört seit ihrem ersten Lyrikband "Nur eine Rose als Stütze" (1959) zu den deutschen Dichtern, die
nicht nur vielgelesen sind, sondern tatsächlich viel zu sagen haben. Domins Lebensweg ist geprägt von Glück im Unglück, von der Herkunft aus einer assimilierten jüdischen Familie in Köln über die Studienzeit in Heidelberg, Berlin und Rom, die Lebenspartnerschaft mit dem Kunsthistoriker und Archäologen Erwin Walter Palm, das Exil in der Dominikanischen Republik, die etappenweise Rückkehr nach Deutschland (1954-1961) bis zum späten Erfolg bei Publikum und Kritik. Die Literaturwissenschaftlerin Marion Tauschwitz zeichnet diese Biografie akribisch nach und lässt dabei die Lebenszeugnisse, darunter Nachlasstexte aus dem Marbacher Literaturarchiv, ausführlich zu Wort kommen, manchmal etwas zu ausführlich. Damit ist eine Kernschwäche dieser ansonsten flüssig lesbaren Biografie benannt: die Differenzen zwischen Dichtung und Person werden zu stark eingeebnet, der Fokus ist zu nah auf die der Biografin vertraute Dichterin eingestellt. Das führt zu einer nur teilweise plausiblen Revision des bekannten Domin-Bildes. Sicherlich hat sie sich ihren Weg zur Dichtung mühsam erkämpft, gerade auch gegen die Widerstände ihres selbst literarisch ambitionierten Mannes. Aber die Ehe mit Palm war bei aller Problematik (seiner häufigen Abwesenheit, dem verhinderten Kinderwunsch, der Fehleinschätzung von Domins ersten Gedichten) kein Rosenkrieg; davon zeugen nicht zuletzt die Ehebriefe Hilde Domins ("Die Liebe im Exil", 2009). - Unter den Büchern, die zu Domins 100. Geburtstag erschienen sind, ist die Tauschwitz' Biografie nicht das wichtigste, insgesamt aber eine durchaus lesenswerte Hinführung.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Dass ich sein kann, wie ich bin
Marion Tauschwitz
Palmyra (2009)
575, 24 S. : Ill.
fest geb.