Die lange Nacht des Vogelfängers
Erich Jooß ist Direktor des Sankt Michaelsbundes und mit zahlreichen Kinderbüchern hervorgetreten. Diese Bücher erzählen von Warten, Geduld und Freiheit, von dem, was dem Menschen oft fehlt und wonach er sich deshalb um so mehr sehnt. Das christliche
Menschenbild, aus dem diese Geschichten erwachsen, ist modernefreundlich und dennoch medienkritisch, es hält die Widersprüche unserer Zeit mit Präzision und Bildhaltigkeit aus. So auch der neue Band: "Die lange Nacht des Vogelfängers". Die ersten beiden Geschichten handeln von Künstlern, die durch inneres oder äußeres Zutun ihre Kunstfertigkeit verlieren. Der Seiltänzer verliert sein Lebensgleichgewicht, der Kettensprenger seine Lebenskraft, sie können auf einmal ihre Kunst nicht mehr ausüben. Aber sie gewinnen auch etwas: Freiheit der eine, Ruhe der andere. Die Geschichten von Jooß sind einfach erzählte Märchen und moderne Mythen, deren "Deutung der Welt", so der Autor, "sich im verwunderten Öffnen der Fenster" erschöpft. Man kann sie als spannende Geschichten lesen oder als Parabeln, so wie die letzte Erzählung aus der Welt des Chassidismus vom "Leben und Sterben" eines galizischen Vorbeters oder die Erzählung von dem Hirten, für den der Gesang des Orpheus wichtiger ist als dessen tragische Geschichte. Denkwürdige, mit fabelhaften Linolschnitten von Klaus Eberlein versehene Geschichten, die in vielen Büchereien einen Platz haben sollten.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Die lange Nacht des Vogelfängers
Erich Jooß. Mit Bildern von Klaus Eberlein
Verl. Sankt Michaelsbund (2011)
120 S. : zahlr. Ill.
fest geb.